Der Forschungsbegriff der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim

Prof. Dr. Thomas Friedrich und Prof. Dr. Moritz Klenk

Eine Fakultät vereint eine Vielzahl von Stimmen und Perspektiven. Als Einheit innerhalb von Universitäten und Hochschulen als ihrem organisationalen Bezug ist eine Fakultät selbst interdisziplinär: sie ist in ihrer Funktion dem Diskurs der verschiedenen in ihr vertretenen einzelnen Disziplinen wie dem interdisziplinären (und transdisziplinären) Miteinander in der Organisation von Forschung, Lehre und Studium verpflichtet. Diese allgemeinen, über einzelne Personen, Forschungs- und Lehrprojekte hinausgehenden Zusammenhänge werden in Fakultäten erst konkret. Eine Fakultät ist – metaphorisch und meist auch mit architektonischer Manifestation – ein Haus, ein konkreter Ort, an dem die vielfältigen Perspektiven im lebendigen, freien und unbedingten Austausch, im Streit und im Miteinander aufeinander verwiesen sind und dies erfahrbar, sichtbar, hörbar, lesbar, eben: lebendig wird.

Auch wenn sie interdisziplinäre Gebilde sind, so haben Fakultäten dabei eine eigene Ausrichtung, ein Feld, innerhalb dessen ihre Perspektiven sich einer gemeinsamen Aufgabe verpflichten. Dies kann eine Bereich von Gegenständen aber auch eine Verwandtschaft von Zugängen sein. Für unsere Fakultät ist dieses gemeinsame Feld die Gestaltung. Gestaltung verstanden sowohl als ein Feld von Gegenständen (Techniken, Medien, Kunst, Ideen, Theorien, Gewerbe, Geschichte) verstehen, als auch als ein Feld von Perspektiven (gestalterische Zugänge im Sozialen und Kulturellen, in Bereich von Medien und Technologien, künstlerische Zugänge, interventionistische Praxis, Gestaltung der Ökonomie, Experimentalität). Unter einem solchen gemeinsamen Dach arbeitet die Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim und entwickelt Lehre und Forschung auf die ihr eigene Weise.

Der hier verfasste Text ist programmatisch. Die Autoren verzichten aus diesem Grund auf die zahlreichen, möglichen Verweise auf Texte, Theorien, Werke und Bezüge zu anderen Autorinnen und Ansätzen, mit denen dieser Forschungsbegriff verbunden ist. Er ist das Ergebnis intensiver Arbeit an einem Begriff der Forschung innerhalb des Kollegiums der Fakultät. Es ist auch ein Manifest: für eine starke Fakultät für Gestaltung, für eine freie, unbedingte Forschung und Kunst im inter- und transdiziplinären Kontext einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Als ein Begriff und Selbstverständnis unserer Arbeit ist der Text zugleich ein Bekenntnis. Das Professorium erklärt hier seien Forschungsbegriff, wie es seiner Aufgabe entspricht. Die Berufsbezeichnung des:der Professor:in  (lat. profitērī, profiteor, professus sum) bezeichnet eine:n die:der sich öffentlich erklärt, d.h. sich öffentlich verpflichtet, einer Aufgabe (der Aufgabe von Forschung und Lehre) für die Allgemeinheit zu widmen. In diesem Sinne ist die hier vorgelegte Erklärung auch ein Bekenntnis der Fakultät zu einer kritischen Forschung zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft.

Zusammenfassung

Der Zweck des Designs ist die Verbesserung der Lebensqualität aller; dies betrifft alle Bereiche von Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Unter Bedingungen sogenannter Digitalisierung – des dramatischen Medienwandels und seiner sozialen, ökonomischen und politischen Folgen – ist hier das Feld des Kommunikationsdesigns besonders gefordert. Die Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim erforscht die kulturellen Kontexte, sozialen Bedingungen, wirtschaftlichen Mittel, die Künste, Ideen, Medien und (digitalen) Technologien von Kommunikation und Design. Als kritische Forschung stellt Design bestehende Herrschafts- und Machtverhältnisse infrage, kritisiert und reflektiert global-ökonomische Ausbeutung (von Natur, Gesellschaft und Individuen) und ihre sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und philosophischen Konsequenzen und entwirft davon ausgehend konstruktive, nachhaltige, aber auch utopische, spekulative Entwürfe und Werkzeuge für die Gesellschaft der Gegenwart und Zukunft. Forschung des (Kommunikations-)Designs ist im Sinne des Designs als transdisziplinärer Heuristik dabei sowohl für die wissenschaftliche, philosophische und künstlerische Grundlagenforschung, als auch für anwendungsorientierte, strategische und transmediale Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft in interdisziplinären Forschungszusammenhängen der Hochschule entscheidend. Der Forschung gleichrangig und für Forschung im Design wesentlich sind die Kunst und freien Künste zentrale Aufgabe und Gegenstand der Fakultät für Gestaltung. Forschung und Künste dienen in diesem Verständnis schließlich auch der wissenschaftlichen und künstlerischen Grundlegung und Weiterentwicklung von Lehre und Studium.

Zweck der Designforschung

Designer:innen arbeiten an den Schnittstellen, wo bloß Gedachtes in Wirklichkeit überführt wird. Diese Schnittstellen sind jeder Etappe der Entwicklung (z.B. von Ingenieur:innen, Techniker:innen, Programmierer:innen oder Schreiber:innen) eingeschrieben. ‚Entwerfen‘, ‚Experimentieren‘ und ‚Gestalten‘ spielt in allen Phasen der Entwicklung eine Rolle. Die phänomenale Alltagswelt ist heute immer und in allen Bereichen nicht zuletzt Ergebnis und Ausdruck von Designprozessen. Design hat darin seine grundlegende gesellschaftliche Relevanz.

Am Ende einer langen Kette von Menschen, die an Ideen gearbeitet haben, entscheiden nicht zuletzt Designer:innen, wie die Welt in Zukunft aussehen wird. Darüber hinaus spielen Gestalter:innen heute jedoch schon weitaus früher, ja in praktisch allen Entwicklungsprozessen eine entscheidende Rolle. Design ist Arbeit an der Heuristik, an der Form und Gestaltung von Findungs- und Erfindungskunst und damit von unschätzbarem Wert für nahezu alle Bereiche angewandter Wissenschaften. Dieser Verantwortung bewusst, haben viele Gestalter:innen Vorstellungen entwickelt, wie eine Welt aussehen könnte, die humaner, gerechter, nachhaltiger, kurz: besser wäre als die jeweils gegenwärtige. Die Reflexion auf die gesellschaftliche Situation ist der grundlegende Referenzpunkt des Designs. Von der Arts & Crafts-Bewegung, über den Werkbund, das Bauhaus, bis zur Ulmer Schule gehörte diese politische Dimension des Designs zum Selbstverständnis. Dies lässt sich auf die folgende Formel bringen: Design muss dem Begriff nach der Verbesserung der Lebensqualität aller dienen. Dies ist das allgemeine, sachnahe Kriterium für gute Gestaltung sowie die politische Dimension des Designs.

Der Diskurs des Designs besteht dann in den Fragen, wie eine solche verallgemeinerbare Verbesserung der Lebensqualität aussehen könnte, und welches Design einer solchen dienen könnte; über das Ziel einer Verbesserung der Lebensqualität aber herrschte Einigkeit. Damit ist der allgemeine Zweck der Forschungsarbeit der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim benannt.

Die ökonomische Einbettung des Designs

Als Gestaltung der Warenwelt wie der Bedürfnisse der Menschen ist das Design notwendig und grundlegend in ökonomische Prozesse eingebunden, wird durch diese vermittelt. Design muss marktwirtschaftlich produzierbar sein, um Wirklichkeit zu werden. Es bedarf komplexer, strategischer Kompetenz, um hierfür die geeigneten Mittel zu schaffen und weiterzuentwickeln. Im Zeitalter neoliberaler Globalisierung gilt, dass Designer:innen zwar nach wie vor an der Schnittstelle von Ideen und Wirklichkeiten arbeiten. Die Entscheidung aber, welche dieser Ideen in Realität umgesetzt werden, bestimmt allein ‚der Markt‘; er ist die aktuelle Totalität. Die politischen und sozialen Akteure sind ihr unterworfen, das Verhältnis von Zweck des Designs und seiner Mittel ist verkehrt worden. „Does it pay“ (rechnet es sich marktwirtschaftlich gesehen) ist das Maß der Dinge.

In diesem Zusammenhang kann festgestellt werden, dass von der Arts & Crafts-Bewegung, dem Deutschen Werkbund, dem Bauhaus, bis zur Ulmer Schule das moderne Design an seinem Zweck letztlich gescheitert ist. Zwar hat sich die funktionale Ästhetik der Moderne weltweit durchgesetzt, doch ist die soziale Forderung, eine solche Ästhetik ‚für alle‘ erschwinglich zu realisieren, lange nicht erreicht. Im Gegenteil: die Ästhetik der Moderne hat heute vor allem in Architektur und Produktdesign die Erscheinungsform teurer Statussymbole, die die Distinktionswünsche Wohlhabender erfüllen. Die neoliberalen Trickle-down-Theorien, gemäß derer sich der Wohlstand durch zunehmenden Reichtum der Reichen nach unten verteilt, sind schlichtweg falsch. Diese Entwicklung affirmierend statt zu kritisieren ging das Kommunikationsdesign in Werbung und Marketing auf.

In strategischer Hinsicht muss Forschung im (Kommunikations-)Design heute alternative, innovative Wege des Wirtschaftens und seiner Gestaltung erfinden. Der ‚Verbesserung der Lebensqualität aller‘ verpflichtet ist die kritische Reflexion der sozio-ökonomischen Bedingungen Grundlagenforschung und Reflexionsreferenz für die darauf aufbauenden experimentellen, anwendungsorientierten Entwürfe einer Gesellschaft der Zukunft.

Design und Digitalisierung der Lebenswelt

Im Zuge des fundamentalen Wandels der Gesellschaft im Zusammenhang der sogenannten 'Digitalisierung' veränderten sich auch die Produktionsverhältnisse der Gesellschaft, von industrieller, materieller Herstellung knapper Güter hin zu informations-, kommunikations- und medientechnologischer Produktion unknapper Güter als heute wichtigster Wirtschaftssektor. Dies führte nicht zuletzt zu einem enormen Bedeutungszuwachs des Kommunikationsdesigns.

Geht es bei knappen Gütern um ökonomische Verteilung mittels globaler Märkte müssen unknappe Güter künstlich verknappt werden. Restriktion des Zugangs und Privatisierung öffentlicher Infrastruktur jener neuen Medientechnologien waren und sind hier die wesentlichen Triebkräfte. Die neueste Transformation der Ökonomie ergibt sich schließlich durch die Dominanz der Plattformen. Sie stellen die aktuelle Erscheinungsform der Märkte dar. Während der Neoliberalismus weltweit seit den 1970er Jahren dazu geführt hat, dass die ehemalige Pluralität der Eigentumsformen – nämlich Staatseigentum, genossenschaftliches Eigentum und Privateigentum – in die Totalität des Privateigentums überführt wurde, man dabei aber immer noch von der Neutralität der Märkte ausging, hat die Privatisierung nun auf die Märkte selbst übergegriffen.

Alle gesellschaftlich relevanten Entscheidungen bis hin zu Parlamentswahlen sind von jenen algorithmen-gesteuerten Plattformen der sogenannten ‚social media‘ mitbeeinflusst. Auch Designer:innen, besonders Kommunikationsdesigner:innen nutzen diese Plattformen für ihre produktive Arbeit und sind zugleich maßgeblich mit deren Gestaltung und Warenförmigkeit beschäftigt. Diese Verwicklungen gilt es in Zukunft grundlegend zu reflektieren. Es geht um die Fragen: Wie und was können die neuesten Technologien der Plattformen zum Forschungszweck des Designs – einer Verbesserung der Lebensqualität – beitragen? Welches sind ihre Chancen, wo ihre Grenzen? Welche Bedeutung haben Infrastruktur und (neue) commons (Gemeingüter) unter Bedingungen aktueller Entwicklungen? Welche Verantwortung und Aufgaben ergeben sich daraus für das Kommunikationsdesign?

Bei diesen Fragen ist neben historischer, kulturwissenschaftlicher, soziologischer und politischer Reflexion wichtig, dass die Designforschung nicht nur die Gestaltung der digitalen Oberflächen zu fokussieren sucht, sondern auch das ‚Interface‘, die Schnittstelle zur Programmierebene, um diese zu verstehen, zu gestalten und kritisch befragen zu lernen. ‚Künstliche Intelligenz‘, neuronale Netze, computernetzwerkbasierte Mittel der Gestaltung spielen heute in fast allen Bereichen der Lebenswelt eine entscheidende Rolle. Doch wie verhalten sich diese Technologien im Bereich des Kommunikationsdesigns zum Zweck der Forschung, nämlich: der ‚Verbesserung der Lebensqualität aller‘? Dies ist die forschungsleitende Frage für das Kommunikationsdesign der Zukunft.

Herrschaftskritik und Transformation des Naturverständnisses

Im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit der Forschung an angewandten Hochschulen und im Zusammenhang mit dem Forschungszweck, der ‚Verbesserung der Lebensqualität aller‘, gilt es schließlich auf drei Ebenen Herrschaftskritik zu betreiben. Erstens muss die seit der Neuzeit betriebene Form der Naturbeherrschung kritisiert werden. In früheren Zeiten mussten die Menschen Angst vor der Natur
Natur ist nicht außerhalb des Menschen, die ihm bedrohlich gegenübersteht, und beherrscht werden muss, sondern er selbst hat eine tierisch-triebhafte Naturbasis. Eingedenken der Natur im Subjekt führt zu einem anderen Naturverständnis. Während das neuzeitlich Naturverständnis die Basis des aktuellen Machbarkeitswahns ist, man könne letztlich alle Menschheitsproblem durch Technik lösen, ebnet das Eingedenken der Natur im Subjekt die Möglichkeit einer Versöhnung des Menschen mit der Natur, seinen Mitmenschen und sich selbst. haben; heute bereitet dagegen eine vernunftlose Naturbeherrschung Sorgen, die aufgrund der wirtschaftlichen Einbettung auf Naturvernichtung (Stichwort: Zunahme der Erderwärmung) angelegt ist. Ökologie und Nachhaltigkeit sind hier zwei von vielen Stichworten, in denen kritisches (Kommunikations-)Design wesentliche Beiträge liefern kann, wie auch die wirtschaftliche Umsetzung nicht aus den Augen verliert. Zweitens muss die soziale Herrschaft, die Herrschaft von Menschen über Menschen (Regierungen, Hierarchisierungen, Ausbeutungen aller Art) kritisiert werden. Medien und Kommunikation können ebenso gut für Aufklärung, Emanzipation und Freiheit, wie für Unterdrückung, Steuerung und Propaganda instrumentalisiert werden. Forschung im Design wirkt hier subversiv und emanzipatorisch, spekulativ und kritisch; ihre Erkenntnisse sind transformativ statt nur kritisch.
Und drittens muss die Selbstbeherrschung kritisiert werden, das heißt die massive Unterdrückung der Triebnatur des Menschen durch Maßnahmen der Selbstoptimierung, Selbstkasteiung, Askese, Leibfeindlichkeit und ihren psychischen Folgen Depression und Neurose. Zahllose historische und aktuelle Belege für die dramatischen Auswirkungen moderner und etablierter Medien zeigen hier den Ansatzpunkt für ein zukunftsweisendes, transformatives, kritisches Kommunikationsdesign.

Natur ist nicht außerhalb des Menschen, die ihm bedrohlich gegenübersteht, und beherrscht werden muss, sondern er selbst hat eine tierisch-triebhafte Naturbasis. Eingedenken der Natur im Subjekt führt zu einem anderen Naturverständnis. Während das neuzeitlich Naturverständnis die Basis des aktuellen Machbarkeitswahns ist, man könne letztlich alle Menschheitsproblem durch Technik lösen, ebnet das Eingedenken der Natur im Subjekt die Möglichkeit einer Versöhnung des Menschen mit der Natur, seinen Mitmenschen und sich selbst.

Der Wahrheitsbegriff kritischer Designtheorie

Der Wahrheitsbegriff kritischer Designtheorie widerspricht und grenzt sich von klassisch positivistischen Wahrheitsbegriffen auf der einen Seite, sowie der radikalkonstruktivistischen Preisgabe eines Wahrheitsanspruches auf der anderen ab. Als kritischer Reflexionsprozess sprachlich-begrifflichen Denkens stellt jede Erkenntnis notwendig bestehende Verhältnisse infrage, statt diese bloß zu affirmieren. In einer Welt voller Antagonismen müssen Forschung und Theorie und damit der Wahrheitsbegriff selbst als antagonistisch-dialektisch gedacht werden.

Wahrheit des kritischen Designs ist zudem immer auch ästhetisch, geht damit über sprachlich-begriffliche Formen der Erkenntnis hinaus. Die sinnliche Dimension des Designs geht nicht in kritisch-rationaler Theorie und Methode auf, nein: sie stellt sie infrage, wirkt subversiv. Die Wahrheit des Designs kann damit als Reflexionswert im inter- und transdisziplinären Forschungskontext funktionieren.

Forschung im Design bedeutet ferner nicht nur, ja vielleicht überhaupt nur als Teil eines immer größeren Ganzen, das distanzierte Beobachten von einer vermeintlich neutralen Position aus. Designer:innen sind nie nur Beobachter:innen der Gegenwart, sondern als Gestalter:innen ist ihr Zugang notwendig interventionistisch. Die Realität der Gegenstände der Forschung im Design ist immer ein erst noch Herzustellendes, noch nicht Wirklichkeit Gewordenes.

Forschungszweck und Wahrheitsbegriff dürfen schließlich nicht als einfache Ergänzung füreinander, sondern müssen als wechselseitig vermittelt erkannt werden: Wahrheit des Designs ist notwendig Wahrheit, gemessen am Zweck der ‚Verbesserung der Lebensqualität aller‘, so wie die Frage, was als ‚Verbesserung der Lebensqualität‘ gelten kann, erst durch die gesellschaftskritische, ästhetische Forschung des Designs überhaupt erst gestellt werden kann. Diese wechselseitige Vermittlung bestimmt den Wahrheitsbegriff im Allgemeinen, wie den Forschungsprozess des Designs im Konkreten.

Materialität des Designs - experimentelles Design - Werkstoffkunde

Die zunehmend digitalisierte Welt und ihre schier unerschöpfliche Fülle an  aufmerksamkeitsökonomischen und Begehrlichkeiten weckenden digitalen Produkte erweckt bisweilen den Eindruck einer Entmaterialisierung der Welt. Kritische Designforschung dagegen kann zeigen, dass jener Eindruck selbst ideologisch für jene Transformation wirbt: die entmaterialisierte Welt ist Schein des Scheins jener Produkte, der ihre konstitutive Materialität verbergen. Von den konkreten Materialien heutigen Produktdesigns (Hölzer, Metalle, Farben, Kunststoffe) bis zur kommunikativen Dimension (Bildschirme, Touch-Interfaces, 3D-Brillen, etc.) sind Materialität und Körperlichkeit konstitutiv. Dies zu zeigen ist ebenfalls Gegenstand der empirischen, d.h. erfahrungsbasierten Forschung des (Kommunikations-)Designs.
Designer:innen forschen mit den Händen, den Augen, den Ohren, – mit allen Sinnen; sie forschen an und in Materialitäten, Praxen, Techniken, Umgangsformen und Gewohnheiten. Die ästhetisch-künstlerische Dimension ist dabei für jede gestalterische Forschung essentiell: im Vor- und Unbegrifflichen der ästhetischen Praxis liegt die ‚Kraft der Kunst‘, welche die Strukturen sozialer, unternehmerischer und politischer Vernunft kritisch zu hinterfragen erlaubt.
Das Design bedient sich dabei spekulativer, experimenteller Forschung in ‚Laboren‘ und Werkstätten der Gestaltung. Diese sind als Bereich empirischer Forschung im Design von unschätzbarem Wert für jede Forschung und Lehre, besonders aber für Forschung und Lehre an Hochschulen der angewandten Wissenschaften. Die produktiven Anschlüsse in inter- und transdisziplinären Kontexten der Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Hochschule sind prinzipiell unerschöpflich.

 

Forschungsbegriff und Gestaltungsbegriff

Die Forschung im Design, wie sie an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim praktiziert und gelehrt wird, ist wesentlich der Idee einer Fakultät für Gestaltung verpflichtet. Im Unterschied zu Berufsschulen des Grafik- oder Produktdesigns bestimmt sich das Profil der Fakultät nur aus dem interdisziplinären Miteinander der verschiedenen Fächer, Disziplinen und künstlerischen Bereiche im Zusammenhang der Fakultät. Forschung und Kunst sind in dieser Hinsicht im Zusammenhang der Fakultät und im Rahmen der Hochschule als äquivalente Funktionen und Leistungen anzuerkennen. In diesem Zusammenhang muss auch der Forschungsbegriff der Fakultät für Gestaltung an der Schnittstelle von wissenschaftlichen, ökonomischen und vor allem künstlerisch-gestalterischen Praxen gedacht werden. Der Forschungsbegriff lässt sich mithin nicht ohne einen Gestaltungsbegriff denken und umgekehrt. Wissenschaft und Kunst sind in ihrer je eigenen Logik im interdisziplinären Zusammenhang der Fakultät aufeinander verwiesen. Kunst und die Künste sind in ihrer Bedeutung der Forschung an der Fakultät für Gestaltung gleichrangig. Hieraus ergibt sich mithin das Alleinstellungsmerkmal der Fakultät für Gestaltung innerhalb der und ihre wesentliche Bedeutung für die Hochschule Mannheim.

In diese Richtung soll die Forschungsarbeit der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim gehen: vom Zweck des Designs als ‚Verbesserung der Lebensqualität aller’, dem Design als transdisziplinäre Heuristik, über die wissenschaftlichen, ökonomischen, technologischen, politischen, herrschaftskritischen und künstlerischen Bedingungen seiner Umsetzung, über die Mittel der Forschung und Künste, zu den drängendsten Fragen und Probleme unserer Zeit.